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Claudia Michelsen & Stefan Weinzierl · Momo · Musikfest ION 2024 in Nürnberg
© Foto: Mathias Bothor

SO
· 27.
JUNI

19:30–21:45 Uhr
Kulturkirche Gostenhof


Claudia Michelsen & Stefan Weinzierl · Momo

Konzertlesung

Claudia Michelsen, Lesung
Stefan Weinzierl, Live-Elektronik

Wer hat eigentlich unsere Zeit gestohlen? Michael Endes Momo stellt diese Frage so eindringlich wie kaum ein anderer Roman. Die Schauspielerin Claudia Michelsen, zweifache Grimme-Preisträgerin und bekannt aus der Ku’damm-Reihe und dem Polizeiruf 110, liest aus dem Roman; Stefan Weinzierl gestaltet dazu live eine vielschichtige Klangwelt. Neben elektronischen Klängen setzt er Marimbaphon, Schlagwerk und weitere Instrumente ein. Sprache und Musik stehen nicht getrennt nebeneinander: Weinzierl reagiert auf die Lesung, greift Stimmungen und Motive auf und setzt eigene Akzente. Momos besondere Gabe ist das Zuhören – und damit stellt der Roman eine Frage, die weit über seine fantastische Handlung hinausreicht: Was geht verloren, wenn im Alltag jede Minute effizient genutzt werden soll?

Tickets: 20-60€


Digitale Konzertmappe

Über die Künstler:innen

Claudia Michelsen, in Dresden geboren, studierte Schauspiel in Berlin und spielte an der Berliner Volksbühne, am Deutschen Theater und an der Schaubühne in Berlin. In vielen großen Film- und Fernsehproduktionen ist sie zu sehen, u.a. in dem TV-Mehrteiler „Ku’damm“ und als Kommissarin im Magdeburger „Polizeiruf 110“. Claudia Michelsen ist als Schauspielerin mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit der Goldenen Kamera als beste Schauspielerin und zweimal mit dem Grimme-Preis. Sie tourt mit verschiedenen Lesungsprogrammen und leiht immer wieder Hörbüchern ihre unverwechselbare Stimme.


Die Musik von Stefan Weinzierl passt in keine Schublade - genauso wenig wie sein Instrumentarium. Ob mit großem Orchesterschlagwerk oder kleinen Effektinstrumenten - mit dem einzigartigen Klangspektrum seiner facettenreichen Schlaginstrumente entwickelt der Multi-Perkussionist Hörwelten für energiegeladene Bühnenproduktionen und schlägt dabei gern den Bogen zu Literatur und Schauspiel. In seinen Produktionen arbeitet er mit u.a. mit Claudia Michelsen, Devid Striesow, Mark Waschke, Walter Sittler, und Dietmar Bär zusammen und folgte Einladungen der Internationalen Maifestspiele Wiesbaden, des Schleswig-Holstein Musik Festivals, der Elbphilharmonie Konzerte, der San Francisco Symphony, der Ruhrfestspiele Recklinghausen und zahlreicher großer Deutscher Theater. Stefan Weinzierl ist Endorser des niederländischen Schlagwerkherstellers »ADAMS«.

Essay über „Die gestohlene Zeit"

Die gestohlene Zeit

Eine Reflexion über Michael Endes Momo und unsere Gegenwart

Es beginnt mit einer einfachen Frage: Wem gehört unsere Zeit?

Als Michael Ende 1973 Momo veröffentlichte, waren die grauen Herren noch Gestalten einer erfundenen Welt. Sie versprachen den Menschen, ihr Leben effizienter zu machen. Wer Zeit sparte, so ihr Versprechen, würde am Ende mehr davon haben. Doch je mehr die Menschen sparten, desto ärmer wurde ihr Leben. Die Zeit verschwand ausgerechnet aus den Dingen, die es lebenswert machten.

Heute brauchen die grauen Herren keinen grauen Anzug mehr. Sie stecken in unseren Kalendern, Produktivitäts-Apps, Fitness-Trackern und Benachrichtigungen. Wir zählen Schritte, messen Schlafphasen und versuchen, selbst die freie Zeit noch sinnvoll zu nutzen. Wir tracken uns, als wären wir zugleich unser eigenes Forschungsprojekt und dessen unzufriedener Auftraggeber.

Natürlich kann Technik uns helfen. Digitalisierung setzt Zeit frei, künstliche Intelligenz nimmt uns Aufgaben ab, die früher Stunden gekostet haben. Aber Momo stellt eine Frage, die inmitten all dieser Möglichkeiten leicht verloren geht: Was machen wir eigentlich mit der Zeit, die wir gewinnen wollen?

Gesparte Zeit wird nicht automatisch zu gelebter Zeit. Eine Stunde, die wir durch Automatisierung gewinnen, kann sofort mit der nächsten Aufgabe gefüllt werden. Eine effizientere Kommunikation erzeugt nicht unbedingt mehr Nähe. Und wer seine Erholung optimiert, läuft Gefahr, sie wie eine weitere Leistung zu behandeln, deren Erfolg sich am nächsten Morgen in einer Kurve ablesen lassen muss. Wir befreien uns von Mühen – und erfinden neue Maßstäbe, an denen wir uns messen.

Die künstliche Intelligenz erweitert unsere Möglichkeiten. Doch wird unser Leben durch all das größer – oder nur voller? Vielleicht müssen wir Fortschritt umfassender begreifen: nicht nur als das, was technisch möglich wird, sondern auch als die Frage, ob wir friedlicher, sozialer und ökologisch verantwortlicher miteinander leben. Ob wir gerechter werden, aufmerksamer gegenüber anderen und sorgsamer gegenüber der Welt, die wir bewohnen. Das sind große Fragen. Aber warum sollten wir sie uns nicht zutrauen? Wir nehmen uns viel Zeit, neue Möglichkeiten zu entwickeln. Die Zeit, über ihren Sinn nachzudenken, sollten wir uns ebenso nehmen.

In Momo besitzt das Mädchen keine besondere Technik und keine ausgefeilte Methode. Sie kann zuhören. Nicht, um ein Gespräch effizienter zu machen oder ein Ergebnis zu produzieren, sondern so, dass ein anderer Mensch sich selbst besser hören kann. Diese Fähigkeit wirkt heute beinahe radikal. Aufmerksamkeit ist zu einer knappen Ressource geworden, um die Plattformen konkurrieren. Momo verschenkt sie, ohne sie zu verbrauchen

Zuhören heißt, einem anderen Menschen Zeit zu geben, ohne sofort einen Nutzen daraus ziehen zu wollen. Es heißt, Widersprüche auszuhalten, nicht gleich zu urteilen und sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang offen ist. Vielleicht beginnt Menschlichkeit genau dort: nicht in der perfekten Antwort, sondern in der Bereitschaft, einem anderen wirklich zu begegnen.

Wenn Claudia Michelsen sich gemeinsam mit dem Klangkünstler Stefan Weinzierl Momo widmet, wird diese Frage selbst zum Gegenstand des Abends. Sprache und Klang eröffnen einen Raum, in dem wir uns Zeit nehmen können: zum Zuhören, zum Nachdenken, zum gemeinsamen Erleben. Für einen Moment

Momo erinnert uns daran, dass Zeit nicht einfach eine Menge ist, die wir besitzen und verwalten. Sie entsteht auch in der Art, wie wir anwesend sind: bei anderen Menschen, bei einer Musik, bei einem Gedanken, bei uns selbst. Sie lässt sich nicht auf Vorrat sparen. Man kann sie nur leben.

Die grauen Herren versprechen uns mehr Zeit. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe darin, wieder zu entdecken, wofür wir sie haben wollen. Wir müssen unsere Zeit nicht besser verwalten. Wir müssen sie uns zurückholen.

Oliver Geisler



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